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Bundestagspräsident begrüßt das Jugendparlament
Wolfgang Thierses Eröffnungsrede
Sehr geehrter Herr Krüger,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Europäischen Jugendparlaments,
sehr geehrte Damen und Herren,
ganz herzlich begrüße ich Sie zur Eröffnung des Europäischen
Jugendparlamentes. Hier im Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses
kann ich Sie natürlich nur als Schirmherr und nicht als Hausherr
begrüßen. Wie Sie alle bin auch ich hier nur zu Gast. In
besonderer Weise möchte ich mich für diese Gastfreundschaft
bedanken, stehen die Berliner Kollegen doch unmittelbar vor der Konstituierung
ihres neu gewählten Parlamentes und dies ist stets mit viel
Aufregung, aber auch viel Arbeit verbunden.
Ich freue mich, dass das Europäische Jugendparlament sowohl im
Berliner Abgeordnetenhaus als auch im Deutschen Bundestag zu Gast ist.
Hier im Abgeordnetenhaus werden Sie Ihre Plenarsitzungen abhalten; im
neuen Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages werden Ihre Ausschüsse
tagen.
Bundestag und Abgeordnetenhaus haben somit eine gute Gelegenheit, an
ihren eigenen Wirkungsstätten Jugendliche durch eigene praktische
Erfahrungen mit der parlamentarischen Arbeit vertraut zu machen. Daher
unterstütze ich sehr die Idee der Jugendparlamente, die mittlerweile
in allen Bundesländern Einzug erhalten hat. Der Deutsche Bundestag
selbst lädt seit den 80er Jahren in einem Projekt mit ähnlicher
Zielsetzung jährlich über 400 Jugendliche zu der Veranstaltung
"Jugend und Parlament" ein. Diese Veranstaltung hat zuletzt
vor wenigen Wochen Ende September wieder im Bundestag
stattgefunden. Aus eigener Erfahrung, aber auch aus Gesprächen
mit Kollegen und Teilnehmern, weiß ich, dass diese Tage für
alle Beteiligten - Jugendliche wie Parlamentarier - spannend, interessant
und lehrreich waren.
Es freut mich sehr, dass die gute Idee der Jugendparlamente auch von
privater Seite aufgenommen und unterstützt wird. Daher habe ich
gerne die Initiative des "Centrums für angewandte Politikforschung"
in München aufgegriffen und die Schirmherrschaft für das "Europäische
Jugendparlament" übernommen; zumal Sie die Idee des Jugendparlamentes
auch noch mit dem großen Thema Europa verbunden haben.
In den nächsten Wochen werden wir alle in unserem täglichen
Leben einen großen Fortschritt der europäischen Einigung
erfahren: Ab Januar 2002 wird der EURO - als Symbol und ganz reales
Zahlungsmittel die Idee der Europäischen Einigung sichtbar
und erlebbar machen. Ich frage mich, wie sich der Umstand, europäisches
Geld in der Tasche zu haben, auf das europäische Bewusstsein der
Menschen auswirken wird. Auf einmal wird man sich dafür interessieren
müssen, was in Portugal oder Frankreich geschieht, denn es könnte
Auswirkungen auf den Wert unserer gemeinsamen Währung haben.
Die Notwendigkeit gemeinsamer Lösungen im europäischen Rahmen
sehen wir heute auf vielen Gebieten. So wird kein Land in Europa die
Fragen einer verträglichen Landwirtschaft alleine lösen können;
Umweltprobleme machen an nationalen Grenzen nicht halt und schließlich
sind viele Fragen der klassischen "Inneren Sicherheit" längst
nicht mehr auf nationaler Ebene allein zu lösen. Die Anschläge
des 11. September haben dies auf bedrückende Art gezeigt, und hier
wird selbst die europäische Perspektive zu klein.
Diese Fragen der internationalen und europäischen Zusammenarbeit
sind also für die Politik von noch drängenderer Bedeutung
als bisher. Auch die Medien würdigen dies, allerdings illustrieren
sie dies meist mit Bildern der europäischen Regierungschefs, mit
Bildern der großen EU-Gipfel. Ich finde das ein bisschen problematisch.
Europa ist mehr als nur eine Angelegenheit der Regierungen; es ist Sache
aller Bürgerinnen und Bürger. Die Diskussion um die Grundrechtscharta,
ihr Zustandekommen im Rahmen eines Konvents unter Einbeziehung vieler
gesellschaftlicher Gruppen hat dies jüngst deutlich gemacht. Daher
werbe ich sehr für eine intensivere Beteiligung der Parlamente
in Europa in Fragen der Europapolitik. Auch die Stärkung der Kompetenzen
des Europäischen Parlamentes ist nicht nur notwendig, sondern inzwischen
auch unstrittig.
In diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht der neue Artikel 23 des
Grundgesetzes von großer Bedeutung. Er garantiert die Mitwirkung
des Deutschen Bundestages und - über den Bundesrat - auch der Länder
an der Gestaltung der Europapolitik. Daher ist es auch konsequent, wenn
das Grundgesetz die Einrichtung eines "Ausschusses für die
Angelegenheiten der Europäischen Union" im Bundestag vorschreibt.
Die wenigsten Bundestagsausschüsse sind auf diese Weise im Grundgesetz
verankert.
Natürlich behandeln alle Ausschüsse inzwischen europäische
Fragen, schließlich ist die europäische Dimension aus keinem
Bereich wegzudenken. Aber für Fragen von grundsätzlicher Bedeutung
ist der Europa-Ausschuss des Bundestages zuständig, der seine besondere
Kompetenz für diese Fragen nicht nur aus der hohen inhaltlichen
Qualifikation der dort vertretenen Bundestagskollegen bezieht, sondern
auch aus der Beteiligung von 14 Kolleginnen und Kollegen des Europäischen
Parlaments, die ihm angehören. Auch wenn die Kollegen aus Straßburg
und Brüssel nicht stimmberechtigt sind, so ist durch ihre Mitwirkung
die Verbindung zwischen nationaler und europäischer Ebene gesichert.
Ebenso wichtig ist auch der feste Austausch aller Europa-Ausschüsse
der EU-Länder und Beitrittskandidaten, der halbjährlich im
Land der jeweiligen Ratspräsidentschaft stattfindet.
Wenn ich für eine stärkere Beteiligung der Parlamente in der
Europapolitik werbe, so muss ich mich nicht alleine auf die Kraft der
guten Argumente stützen, sondern kann auch auf die fleißige
und engagierte Arbeit des EU-Ausschusses des Deutschen Bundestages (er
hat neben dem Haushaltsausschuss die längste Tagesordnung) verweisen.
Ich betone diese Ausschussarbeit deshalb so sehr, weil man in der Öffentlichkeit
dieses Herzstück der parlamentarischen Arbeit allzu schnell übersieht
und lieber auf die halb leeren Bänke im Plenarsaal blickt. Dabei
wäre es viel wichtiger in die Ausschüsse zu blicken, wo ein
Gutteil der Arbeit der Abgeordneten stattfindet.
Daher ist es gut, dass auch das "Europäische Jugendparlament"
in Ausschüssen beraten wird. Ganz besonders freue ich mich, dass
dieser Teil Ihrer Arbeit im neuen Paul-Löbe-Haus des Deutschen
Bundestages stattfinden wird. Dort haben seit wenigen Wochen auch die
ständigen Ausschüsse des Bundestages ihren festen Tagungsort.
Ich wünsche Ihnen spannende Diskussionen und vor allem die Fähigkeit,
einander zuzuhören und auf die Argumente der anderen einzugehen.
Das ist oft nicht einfach, aber für die parlamentarische und politische
Arbeit unerlässlich.
Herzlich willkommen in Berlin zum Europäischen Jugendparlament.
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