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Interview
"Demokratie ist kein Sandkastenspiel!"
Rita Süssmuth über Machtfragen, Parlamentarismus und den Weg zu einer
verantwortungsvollen Politik.

Frau Süssmuth, was bedeutet es für Sie, am Jugendparlament
für Europa teilzunehmen?
Süssmuth: Mich interessiert die Meinung der jungen Generation. In der heutigen Diskussion
über das Zuwanderungsgesetz ist mir wieder deutlich geworden, wie kompliziert die Thematik
ist, und dass man sich kritisch und eingängig auseinander setzen muss. Darum möchte ich
mich den kritischen Fragen der Jugendlichen stellen. Natürlich haben die jungen Leute, die hier
diskutieren, auch eine Multiplikatorenfunktion. Die junge Generation muss die Debatten
weiterführen und herausfinden, in welcher Gesellschaft sie leben will. Sie muss
Zukunftsvorstellungen entwickeln, um nicht zu sagen Visionen für die Zukunft.
Hier in den Jugendausschüssen beobachtet man mit großem Interesse das Geschehen im
richtigen Bundestag. Dort ist gerade mit der Vertrauensfrage eine neue Debatte über das
Wesen der Demokratie entbrannt. Erfüllt das Parlament heute noch seine Funktion als Vorbild
demokratischer Streitkultur?
Was in den letzten Wochen im deutschen Bundestag fehlte, war eine breite, kritische Debatte
darüber, was die außenpolitische Situation für unser Land bedeutet. Wie ist das
Verhältnis politischer und militärischer Maßnahmen? Welche Verpflichtungen
haben wir? Wie vermitteln wir es den Menschen? Ich glaube, da kann das Parlament immer noch
Vorbild sein, wenn es seine Aufgabe gut macht. Es gab in der Vergangenheit immer wieder wirklich
gut geführte, strittige Debatten, etwa beim Paragraph 218 oder der Wehrmachtsausstellung.
Heute scheint es aber so, dass Sachfragen immer öfter durch Machtfragen überlagert
werden...
Demokratie ist ja nicht nur Sandkastenspiel. Man muss berücksichtigen, dass wir innerhalb des
Rahmens unserer Verfassung eine repräsentative Demokratie haben mit anderen Regeln als im
amerikanischen Senat. Hier müssen die regierungstragenden Koalitionen die Mehrheiten stellen.
Die Regierung stand nun mit den Fraktionen in dem Dilemma, dass sie sich in den letzten Wochen
zunehmender Kritik stellen und ihre Regierungsfähigkeit beweisen musste. Für uns als
Opposition war es auch eine schwierige Situation, für den Einsatz stimmen zu wollen, aber den
Gesamtantrag abzulehnen, weil er mit der Vertrauensfrage verbunden war. Als Abgeordneter
müssen Sie dann entscheiden, was für sie das Übergeordnete ist. In bestimmen
Situationen kommt man aus diesem Konflikt nicht heraus.
Wird in der Politik heute überhaupt noch regiert, oder vielmehr nur noch reagiert?
Gerade in diesem Fall ist nicht reagiert worden. Es war eine Politik der Führung. Man
hätte sich dem auch entziehen können. Ob dabei alles richtig gemacht worden ist, ist eine
andere Frage. Grundsätzlich aber wünschte ich mir, dass auch in anderen Fragen mehr
Führung entwickelt worden wäre, denn eine Demokratie ohne Führung ist ganz
nah am ĞLaissez-faire"-Prinzip.
Fehlt es dafür den großen Parteien nicht an Profil?
Ich finde, es fehlt uns im Augenblick an fantasievollem, kreativem Umgang mit den Problemen. Das
gilt momentan vielleicht weniger für die Außenpolitik, aber gerade für wichtige
Fragen der Innen- und Europapolitik: beim Arbeitsmarkt, der sozialen Sicherung und der
europäischen Integration. Wir sind zu stark vom Pragmatismus bestimmt, entscheiden von Tag
zu Tag, statt mit klarer Perspektive nach vorn zu gehen. Ich wünschte mir Entscheidungen, mit
denen wir uns auch wagen. Ein Lubbers in den Niederlanden hat alles auf eine Karte gesetzt, um sein
Land nach vorn zu bringen. Dieser Mann hat Vollbeschäftigung erreicht - aber er ist
abgewählt worden!
Was ist für Sie Idealismus: a) Naivität b) Aufrichtigkeit
c) Don Quichotterie?
Idealismus mit dem sogenannten deutschen "Ismus"
ist für mich etwas sehr Problematisches. Aber eine Politik ohne
Ideale, ohne wichtige Wertentscheidungen, ist für mich Pragmatismus,
den ich genauso ablehne. Sie können jedoch keine Politik machen,
wenn Sie nicht immer wieder fragen: Wie nähere ich die Wirklichkeit
meinen Idealen an? Das sind oft sehr kleine Schritte, die auch immer
wieder vom Rückfall bedroht sind. Falsch ist es, wenn die Menschen
nicht mehr erkennen, wofür man steht und was einem wichtig ist.
Das ist auch ein Rat an die jüngere Generation: Nur intellektuelle
Fähigkeiten und technical skills zu haben, ist zu wenig, wenn man
nicht Persönlichkeiten formt.
Andreas Menn
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