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Eröffnungsrede
des Direktors der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz,
Hans-Georg Meyer, anlässlich der Tagung "Jugendparlament für
ein erweitertes Europa" im rheinland-pfälzischen Landtag in
Mainz am 17. September 2002.
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident Grimm,
sehr geehrter Herr Vizepräsident Schmidt,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Dr.Tham,
sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Jugendparlaments
für ein erweitertes Europa",
sehr geehrte Damen und Herren.
Es ist mir eine Freude, gemeinsam mit Herrn Präsident Grimm und
Frau Dr. Tham, dieses "Jugend-Europa-Parlament" im Landtag
von Rheinland-Pfalz zu eröffnen. Dankbar bin ich dem "Centrum
für angewandte Politikforschung" für die Initiative und
besonders dem nachhaltigen Bohren von Frau Dr. Tham.
Dabei scheint ein Ergebnis dieser Tagung ja bereits festzustehen. Denn
die Formulierung der "Jugend-Parlamentstage" verweist darauf:
"für ein erweitertes Europa"! Ob dies in den späteren
Beratungen des Ausschuss 1, wo es um die Osterweiterung geht, ebenso
reibungslos formuliert werden wird, darauf bin sicher nicht nur ich
gespannt. Denn dem mutigen "für ein erweitertes Europa"
steht oft das pragmatische "ja, aber" gegenüber.
Und manches Mal eben auch der nationale Egoismus.
Dies
gilt im Übrigen für alle Ausschüsse. Sind doch die Themen,
die Sie erörtern werden, von hoher gesellschaftlicher Wichtigkeit
und auch Brisanz. Gerade die Themen zum Umweltschutz und zu Fragen der
Nachhaltigkeit haben Konjunktur und Aktualität. Die Hochwasserkatastrophen
in Europa, von denen Deutschland enorm betroffen war und "nachhaltig"
betroffen ist, haben die zwingende Notwendigkeit gezeigt, dass eine
Politik ohne den Nachhaltigkeitsgedanken eine Politik an den Menschen,
vor allem den jüngeren, vorbei ist.
Allerdings darf Nachhaltigkeit nicht nur eine Rolle bei der Umweltschutzdiskussion
spielen. So müssen die Globalisierungsdiskussionen energischer
in die Richtung Nachhaltigkeitspolitik gedrängt werden, wenn wir
verhindern wollen, dass die Globalisierung auch zum Verlust kultureller
Vielfalt und kultureller Identität führt. Und manchmal hat
man den Eindruck, wenn man die Diskussion um Nachhaltigkeit verfolgt,
als hätten diejenigen, die am meisten zu sagen wissen, ihr eigenes
innenpolitisches Umfeld vergessen. Bildungspolitik, Arbeitsmarktfragen,
Sozialreformen, um diese drei wichtige Bereiche zu nennen, sie spielen
in der Diskussion um Nachhaltigkeit oft leider nur eine Außenseiterrolle.Und
dies gilt nicht nur in Deutschland.
Eben deshalb ist es wichtig und richtig, dass sich gerade Sie als Vertreterinnen
und Vertreter der jungen Generation mit dem Thema auseinandersetzen
und der Politik "Hausaufgaben" mit auf den Weg geben.
Dies gilt für das Thema der Osterweiterung in gleicher Weise und
ich freue mich, dass Jugendliche aus Polen an dieser Tagung mitwirken.
Auch unser Land Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen Jahren durch
den Ausbau der Beziehungen zur Woiwodschaft Oppeln mit einen Grundstein
gelegt für das Zusammenwachsen Europas. Es wird Zeit, und ich sage
dies im Wissen auch um die Probleme, es wird Zeit, dass die Trennung
zwischen West und Ost endlich beendet wird.
Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen, aber dies ist bei
Zusammenschlüssen immer der Fall und darf auf Sicht kein Verhinderungsfall
sein. Meine Frau und ich, wir haben selbstverständlich auch heute
noch unterschiedliche Interessen, aber wir führen trotzdem eine
harmonische Ehe.
Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz wird
am 19. Oktober des Jahres auf dem Hambacher Schloß über die
europäische Verfassung diskutieren. Auf dem Podium werden sich
Wissenschaft und Politik aus Deutschland, Frankreich und Polen miteinander
über die Rolle des Konvents und seine bisherigen Ergebnisse austauschen.
Sie, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Jugendparlament,
haben in den nächsten zwei Tagen die Gelegenheit eine Debatte zu
führen aus der Sicht der jungen Generation, denn sie, die junge
Generation, muss sich die Gesellschaft schaffen, in der sie leben will.
Und in diese Diskussion können, ja müssen Visionen eingebracht
werden, kann und sollte sich die Phantasie für die Zukunft entwickeln.
Besonders junge Frauen und Männer dürfen die Entwicklung und
Umsetzung von Zukunftsbildern, auch die Problemlösungen, nicht
den so genannten Profis überlassen.
Denn für die zukünftigen Entwicklungen brauchen wir nicht
das trottende Pferd auf eingefahrenen Spuren, wir benötigen den
Widerspruch und auf den bequemen und gewohnten Bahnen die mutige Gegenspur.
Diese mutige Gegenspur muss von den jungen Menschen gezogen werden,
von Ihnen, die vom Europa der nächsten Jahrzehnte in besonderer
Weise betroffen sein werden. Ich wünschte mir, wenn ich es dürfte,
eine Jugend in Europa, die nicht nur in EURO, Dollar oder Yen, nicht
nur in Aktien, Nemax und Gewinn denkt.
Damit will ich nicht weltfremd sein. Ich weiß, wie wichtig in
unseren Gesellschaften Arbeit, Wohnen und Wohlstand ist und dass man
nicht von Idealen alleine leben kann. Aber eine Gesellschaft, die nur
noch pragmatisch denkt und handelt, in der nur noch Gewinnmaximierung
angesagt ist, in der Ideale wie Freiheit und Solidarität nur noch
sprachlich eine Rolle spielen, dies wäre eine Gesellschaft, die
nur noch auf der Stelle tritt und keine Kraft mehr für die Gestaltung
einer Zukunft hat.
Unser Bundespräsident Johannes Rau hat in den vergangenen Wochen
darauf aufmerksam gemacht, dass heute neunzig Prozent der Gelder, die
täglich um die Welt zirkulieren, nichts mehr mit dem Austausch
von Gütern und Dienstleistungen zu tun hat. Über zwei Billionen
Euro, über zweitausend Milliarden, wechseln täglich aus spekulativen
Gründen immer wieder den Ort. Das kann, so der Bundespräsident,
ganze Länder sozial und politisch destabilisieren.
Auf diese Herausforderung muss die Politik, müssen die Gesellschaften
in Europa reagieren. Wer diese Art der genannten Spekulationen mit trägt,
der hat sich gegen Mit-Menschlichkeit entschieden und damit auch gegen
Ideale wie Freiheit und Solidarität.
Im besonderen Maße spielen auch im Ausschuss V Fragen zu Freiheit
und Solidarität eine wichtige Rolle. Gewiss gibt es im Zusammenhang
von Zuwanderung, Asyl und Integration viele Entwicklungen zu beachten.
Und selbstverständlich hat in einer Welt nach dem "nine:eleven",
dem 11. September 2001, die Entwicklung der Zuwanderung und des Asyls
eine neue Dimension bekommen. Und vielleicht sind wir auch in der westlichen
Welt in der Vergangenheit zu verklärt durch die Welt unseres Demokratieverständnisses
gestolpert. Doch den kriminellen Terrorismus stoppen wir nicht dadurch,
dass wir eine Wagenburgmentalität entwickeln, auf deren Altar die
Verfolgten und Menschen in Nöten geopfert werden.
Hier setze ich auf die junge Generation, auf Sie meine Damen und Herren,
in Zusammenarbeit mit den Senioren, die sich noch Phantasien und Ideale
in einem zusammenwachsenden demokratischen Europa gönnen. Politisches
Zusammenleben erfordert auch immer wieder neue Politikentwürfe.
Oder, um es mit Max Frisch auszudrücken:
"Politik als Entwurf eines Zusammenlebens der Menschen, das Menschwerdung
fördert und im Gegensatz zur Profitschlacht aller gegen alle, Lebenswerte
stiftet".
Ich wünsche Ihnen allen ereignisreiche Stunden der Diskussionen,
aber auch die Kraft des Zuhörens und den Mut, auf die Argumente
der anderen einzugehen. Herzlich willkommen und Danke fürs Zuhören.
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